Microsoft-CEO Steve Ballmer kommt in Erklärungsnöte: Eine neue Strategie soll die historisch hohen Wachstumsraten des Konzerns auch in Zukunft sichern. Erklärtes Ziel: Consumer-Elektronik und die Herrschaft übers Internet.

Kürzlich hatte Microsoft mitgeteilt, dass man Windows Vista seit der Einführung des Produkts Anfang des Jahres 60 Millionen Mal verkauft habe. Trotzdem hat sich die Aufregung noch nicht gelegt, sind die Wogen noch nicht geglättet: Die gesamte IT-Branche diskutiert seit Wochen, ob Windows Vista tatsächlich in die Fußstapfen von XP treten kann, so wie Microsoft das behauptet, oder ob es vielmehr ein Rohrkrepierer ist, ganz so wie es Acer-Präsident Gianfranco Lanci der Financial Times Deutschland kürzlich in den Block diktiert hat. Seiner Meinung nach hat es nie zuvor in der Geschichte der PC-Branche eine Windows-Version gegeben, die den Absatz von Computern derart wenig angekurbelt hat. Die Marktforscher von IDC hatten bereits im Herbst vergangenen Jahres prognostiziert, dass durch Vista keine massiven Neuanschaffungen von PCs ausgelöst würden.
 
Gerade Business-Kunden stehen Vista skeptisch gegenüber. Viele Unternehmen sind erst spät zu XP migriert und scheuen nun den neuerlichen Umstieg. Das verbittert neben dem Acer-Chef auch andere PC-Hersteller wie etwa Dell. Dessen Product Marketing Manager Christoph Kaub nimmt jedoch Microsoft in Schutz und reicht den schwarzen Peter an die Anwender-Firmen weiter: "Eine Migration zu Vista scheitert oftmals an fehlenden Ressourcen. Oder daran, dass sich bisher erst wenige Firmen ernsthaft darüber Gedanken gemacht haben, ob und wann sie durch Vista einen Return-of-Investment erwarten können", so Kaub. "Denn im Vorfeld einer Migration muss immer investiert werden. Auch bei Vista gibt es sie nicht kostenlos."
 
IDC jedoch bezieht klar Stellung. Der IDC-Analyst Rüdiger Spies erklärte gegenüber ZDNet, das Problem des schleppenden Absatzes des neuen Windows liege im Mehrwert von Vista gegenüber XP. "Das ist ein riesiges Problem für Microsoft. Der Branding-Effekt muss den Preis rechtfertigen - und das tut er im Moment nicht. Hier muss Microsoft erhebliche Überzeugungsarbeit leisten, doch ist dies in einem fast konkurrenzlosen Markt ziemlich schwierig."
 
Wenn Vista also immer weniger Freunde findet ist abzusehen, dass die Zukunft von Microsoft nicht wie die Vergangenheit aussehen kann. Mit Windows und Office alleine wird Microsoft künftig nicht mehr auf die bekannt gewaltigen Gewinnmargen blicken können. Damit wäre schnell der Nimbus des Über-Softwarekonzerns dahin. Ein Abstieg in Raten wäre denkbar. Da heißt es gegensteuern: Anlässlich des Financial Analysts Day in Redmond referierte CEO Steve Ballmer über seine Strategie, mit der er die historisch hohen Wachstumsraten des Konzerns auch in Zukunft zu erreichen gedenkt.
 
Den Analysten erklärte er, dass man stark auf verschiedene Märkte setzen werde. Selbstverständlich wolle er mehr Umsätze mit den etablierten Bereichen Desktop- und Server-Software erwirtschaften. Sein Hauptziel seien künftig aber Online-Dienste und Verbraucherelektronik. Die Produktentwicklung und sein Geschäftsmodell gehe nun in Richtung 'Software plus Services' (SpS) damit konterkarierte Ballmer den von Salesforce.com geprägten Slogan 'Software as a Service' (SaaS). Laut Ballmer wird mit 'SpS' Software umschrieben, die durch Online-Dienste ergänzt wird.
 
Dass Ballmer einen Hieb gegen Salesforce.com führte, verwundert nicht: Microsoft war im Vorfeld der Konferenz von den Finanzanalysten weniger dafür kritisiert worden, dass Windows Vista das Herz der Anwender wenig erfreut, als vielmehr für die schleppende Generierung von Profiten aus Werbeumsätzen. Konkurrenten wie der Suchmaschinengigant Google hätten dies weitaus erfolgreicher vorgemacht. MSN dagegen hat es nie fertig gebracht, richtig Geld zu machen. Salesforce.com und Google aber zeigen, wie man mit dem Internet richtig Profit machen kann. Dienste wie Myspace oder Youtube sind die Shooting-Stars der Stunde. Dagegen sieht der weltgrößte Softwarekonzern richtig alt aus. Nun aber will Ballmer gegensteuern. Auch Microsoft werde sich ein Stück des zunehmend fetter werdenden Werbeetatkuchens im Internet sichern. Ja, man gedenke sogar die Führung in diesem Bereich zu übernehmen: "Wir sind wild entschlossen, das Talent, die Mittel, das Geld und die Innovation einzusetzen, die nötig sind, um einen Platz unter den Großen im Werbegeschäft einzunehmen", zitierte CNET den CEO.

Mit ein wenig Hilfe von Freunden könnte dies sogar gelingen. Als erster Freund sprang Firmengründer Bill Gates in die Bresche. Dieser hatte die Analysten bereits mit einer eigenen Keynote auf die Worte Ballmers eingestimmt. In seinem Vortrag erklärte Gates, dass Microsoft ein Internet Services Research Center genanntes Zentrum eröffnen werde. Dieses soll sich ausschließlich mit Online-Werbung und -Suche befassen. Unter der Leitung von Harry Shum konzentriere sich die Arbeit des Zentrums ganz auf Suchrelevanz, Spam-Vorbeugung und die Ausschau nach gescannten - und damit möglicherweise gestohlenen beziehungsweise unrechtmäßig verwerteten - Bildern. Nebenbei sei erwähnt, dass Bill Gates Eigentümer von Corbis ist, der größten Bildagentur der Welt.
 
Ballmer nahm die Steilvorlage seines Schulfreundes Gates auf und eröffnete den Analysten, Microsoft müsse sich vorrangig auf Online-Dienste - insbesondere werbefinanzierten Web-Angebote - und Verbrauchergeräte konzentrieren. Nur mit hohen Investitionen in diese bis dato unprofitablen Bereiche könne man auch zukünftiges Wachstum sichern. Als Beleg für diese These führte er Microsofts mehrjähriges Engagement in Serversoftware für Unternehmensrechenzentren an. Dieses habe das Spektrum des Unternehmens erweitert und die Grundlage für Einnahmen in Höhe von mehreren Milliarden Dollar geschaffen. "Wir bringen dieselbe Mixtur aus Vision und Hartnäckigkeit, die in unseren DNA (Distributed Internet Applications) steckt - die uns ja ins Unternehmensgeschäft gebracht haben -, in die Bereiche Verbrauchergeräte und Online-Dienste", so Ballmer. "Wir werden eine Werbeagentur sein und ein Gerätehersteller."
 
Ballmer führte weiter aus, dass bis zum Ende des Steuerjahres 2008 Windows auf über einer Milliarde PCs installiert sein werde. Von diesen PCs aus werde Microsoft nun endgültig den erfolgreichen Sprung ins Internet schaffen. Dazu müsse man aber zusätzlich die Webentwickler und -designer umwerben. Dazu hat Microsoft gerade den Silverlight 1.0 Release Candidate veröffentlicht. Silverlight kann aus dem Netz heruntergeladen werden und ist ein Programm, mit dem Medieninhalte und interaktive Inhalte auf Webseiten angezeigt werden. Es ist als Konkurrenz zu Flash und anderen Plugins aufgestellt, die auf Websites für Interaktivität sorgen. Das Ganze ist Teil eines bei CNET als 'Cloud OS' gehandelten Projektes. Microsoft selbst hört diesen Begriff nicht gerne. Doch er umschreibt das Projekt gut, da viele kleine Dienste als eine Art webbasierte Wolke um die Kerndienste herum angelegt sind. Gestützt auf eine flächendeckende Diffusion von Breitband-Anschlüssen sollen dabei Ressourcen, die sich normalerweise auf einem einzelnen Rechner befinden - etwa der Speicher - in die Internet-Wolke verlegt werden.
 
Wie diese Wolke aussieht, hat Ballmer auf der Worldwide Partner Conference ausgeführt. Noch befinde sich das Unternehmen in der Frühphase der Umsetzung seines Plans, mittel- und langfristig allerdings sollen praktisch alle Internet-Basisdienste des Unternehmens für Entwickler verfügbar gemacht werden. Im Rahmen seiner Rede versprach Ballmer, dass sein Unternehmen noch in diesem Jahr Programmierern die erste Version seiner Entwicklungsplattform offerieren werde. Teile der Plattform sind bereits als Betaversion erhältlich. Man plane zudem, einen großen Teil der Technologie hinter Windows Live und der zugrunde liegenden Infrastruktur offenzulegen. "Wir geben euch, was wir haben", sprang Brian Hall, General Manager von Windows Live, auf der Partner Conference seinem Chef bei. Die Entwickler müssen auf Basis der Plattform Code erzeugen können, bei dem es egal ist, ob man mit einem Telefon oder einem PC auf den Dienst zugreift. Auch sollte egal sein, ob eine Datei lokal gespeichert ist oder sich in der Internet-Wolke befindet. "Es ist eine echte Herausforderung für die Informatik. Man muss für all das die richtigen Abstraktionen finden und abstrakt formulieren, wie Geräte lokalisiert und verwaltet werden. Das ganze soll zugleich für den Entwickler transparent bleiben", sagte Hall.
 
Hall zog einen Vergleich mit den frühen Tagen von Windows: "Ein großer Teil der Aufgaben von Windows bestand schon in frühen Phasen in der Speicherverwaltung, der Ablage, und anderen Dingen, die wir heute als selbstverständlich hinnehmen", sagte Hall. "Der weitaus größte Teil der Entwickler denkt (heute) nicht 'Wie werde ich diese Daten hier im Speicher unterbringen?'. Es geschieht einfach. Dasselbe wird auch beim Mesh-Modell der Fall sein."
 
Diese ambitionierte Zusage kommt eineinhalb Jahre, nachdem Bill Gates im Rahmen einer Veranstaltung in San Francisco im November 2005 die Pläne des Unternehmens für Windows Live erstmals bekannt gegeben hatte. Seit damals arbeiten Chief Software Architect Ray Ozzie und ein Team daran, Microsofts internetorientierte Geschäftsteile zusammenzuführen. Aus einer Reihe direkt von Microsoft angebotener Einzeldienste soll ein einziger Satz einheitlicherer Dienste entstehen, die entweder über Microsoft oder über Partnerunternehmen distribuiert werden.

Im Rahmen der Mix '07-Ausstellung erklärte der für die Live-Strategie verantwortliche Ozzie, den Programmierern Zugang zu einigen der übergeordneten Dienste gewähren zu wollen, etwa zu Windows Live Spaces. Hinsichtlich der zugrunde liegenden Entwicklerplattform schwieg er jedoch weitgehend. "Zurzeit habe ich in dieser Hinsicht keine Ankündigungen", teilte Ozzie mit. "Aber es ist ja recht offensichtlich, dass wir an etwas arbeiten."